Nicht gewollt: Das Trauma der Identität

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Das Trauma der Identität ist häufig das erste Trauma im Leben eines Menschen. Es entsteht oft schon während oder kurz nach der Zeugung oder während der Schwangerschaft der Mutter, z. B. dadurch, dass sie mit einem Mann schläft, obwohl sie keine Lust dazu hat, den Partner nicht liebt, vergewaltigt wird oder sich aus anderen Gründen genötigt sieht, ein Kind zu zeugen ohne dass sie es selbst von Herzen gerne möchte. Wesentlich ist, dass sie weder die Zeugung noch das Baby selbst wirklich wünscht. Und häufig will auch der Vater nur den Geschlechtsverkehr, nicht aber das daraus entstehende Kind.

Ein Identitätstrauma entsteht also dadurch, dass das Kind nicht von ganzem Herzen gewollt ist, der sexuelle Akt ohne Liebe geschieht und/oder die Mutter der Schwangerschaft sowie dem zukünftigen Kind gegenüber ambivalent ist, es nur aus funktionalen oder anderen Gründen (z. B. um die Partnerschaft zu retten) bekommen möchte, sich mit Abtreibungsgedanken trägt oder tatsächlich versucht, es abzutreiben.

Denn all das tut eine Mutter gewöhnlich nur, weil sie selbst ein Identitätstrauma erlitten hat.

Für ein Kind bedeutet das, dass es sich in einer Gebärmutter einnisten muss, die ihn nur widerwillig aufnimmt oder es am liebsten abstoßen möchte; dass es dem mütterlichen Körper alles lebensnotwendige abringen, die abwehrenden Gefühle der Mutter über sich ergehen, ja, sogar Abtreibungsversuche überstehen muss. Kurz: Für ein solches Kind ist das Leben schon in seinen frühesten Anfängen ein einziger Kampf. Nichts ist selbstverständlich. Alles muss hart erarbeitet werden.

Sein Motto wird deshalb: Augen zu und durch. Durchhalten - komme, was will. Bloß nicht aufgeben. Keine unnötigen Bedürfnisse haben. Mit wenig bis nichts auskommen. Mich ganz klein machen, wenig Angriffsfläche bieten, am Besten gar nicht da sein.

Und genau das erwartet es später auch von anderen: Alles zu geben und nichts zu verlangen, sich total mit der Umgebung zu identifizieren, im Dienst an ihr aufzugehen.

Natürlich ist unter diesen Umständen auch die Geburt kein Vergnügen, da ein Körper, der das Baby nicht beherbergen wollte, sich auch bei der Geburt nicht kooperativ verhält. So kommt es häufig zu medizinischen Notfallmaßnahmen: dem Einsatz der Saugglocke, zu einer Zangen-, Schnitt- oder Sturzgeburt. Kurz: Eine rein funktionale, kalte, unemotionale und oft sogar lebensbedrohliche Geburt. Und danach: Kein zärtliches Willkommen, kein Lächeln der Mutter, kein einfühlsamer Körperkontakt, sondern Versorgtwerden mit dem Notwendigsten aus Pflichtbewusstsein oder Ermangelung einer besseren Wahl.

Und manchmal nicht einmal das.

Eine Klientin erzählte mir wie sehr sie sich bei ihrer Geburt bemüht hatte, den Geburtskanal zu verlassen, sich dabei aber die Nabelschnur um ihren Hals geschlungen hatte, sie fast erstickt war und nur durch den Einsatz der Ärzte sprichwörtlich ins Leben gezogen wurde. „Ich fühlte mich so abhängig und schwach. Ohne Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Genau so fühlte ich mich dann auch später immer wieder: abhängig, unfähig, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, mich abzugrenzen, für meine Bedürfnisse einzustehen.“ Ihre Mutter teilte ihr zwar mit, sie sei geplant gewesen, aber sie fühlte von Anfang an, dass sie nicht gewollt war. Die Mutter musste auf Druck seitens ihres Vaters heiraten, obwohl sie lieber einen Beruf ergriffen hätte und als sie verheiratet war, teilte man ihr mit, dass es jetzt ihre Aufgabe sei, Kinder zu bekommen. Sie fügte sich pflichtbewusst, aber freudlos, in die ihr zugedachte Rolle.

All dies zeigt, wie wichtig ein liebevoller Umgang der Mutter mit sich selbst ebenso wie die Liebe zum Mann und die Freude am Kind - sowohl bei der Zeugung, während der Schwangerschaft, der Geburt und danach - für das Wohlergehen und Gedeihen des Kindes ist. Ein ungewolltes Kind ist enorm vorbelastet – für sein ganzes Leben. Und belastet wiederum seine Kinder damit.

Natürlich ist in dem oben beschriebenen Fall auch die Behandlung nach der Geburt lieblos. Im besten Fall sind die Eltern gleichgültig, wenn nicht sogar ablehnend, feindselig oder sogar gewalttätig. Ein Kind mit solchen Eltern kennt keine Geborgenheit, noch menschliche Wärme, kein einfühlsames Eingehen auf seine Bedürfnisse.

Es erstarrt oft schon vor der Geburt, trennt sich vollkommen von sich selbst ab und ist deshalb extrem instabil und hungrig nach Anerkennung und Liebe, zugleich ständig auf der Hut vor potentiellem Mangel, verbalen wie physischen Angriffen. Es lernt, sich zu verbiegen, anzupassen und unterzuordnen – um zu überleben. Es kann keine eigenen Bedürfnisse oder Wünsche, keinen eigenen Willen ausbilden, geschweige denn äußern, ja, empfindet große Scham darüber, dass es überhaupt lebt und Bedürfnisse hat. Und diese Scham muss ebenfalls verborgen werden, damit keiner merkt, wie es ihm wirklich geht.

Ein solches Kind empfindet sich als Last für die Eltern und bemüht sich oft schon von klein an, unabhängig zu werden, nichts zu brauchen, am Besten: gar nicht da zu sein. Solche Menschen können sich noch anderen unmöglich erlauben, zart, schwach, klein oder bedürftig zu sein, geschweige denn gut für sich zu sorgen, zu lachen, zu genießen, Freude zu empfinden – einfach nur so.

Das Leben ist für einen solchen Menschen Kampf, Entsagung, Leistung um jeden Preis – freudlos und karg.

Ein Identitätstrauma entsteht auch, wenn die Mutter dem Geschlecht ihres Kindes Misstrauen entgegenbringt, sei es, weil sie ihr eigenes Geschlecht ablehnt, das männliche bevorzugt wird oder sie mit Männern Missbrauchserfahrungen verbindet und sich vor ihnen schützen möchte. So kenne ich einen Fall, in der ein Mädchen wie ein Junge aufgezogen wurde, weil sich der Vater eigentlich einen Sohn wünschte. Ein solcher Mensch fühlt sich sein Leben lang abgelehnt, falsch, nicht gut genug. Er lebt dadurch in einer Art Opfer- und Vorwurfshaltung, sich und seiner Umgebung gegenüber.

Wenn die Mutter das männliche Geschlecht ihrer Sohnes aufgrund eigener Gewalterfahrungen mit Männern ablehnt, hat dies ebenfalls enorme Folgen für sein weiteres Leben. Ihr Körper wie ihre Psyche vermitteln ihm schon im Mutterbauch Botschaften wie: “Du solltest kein Mann sein. Du bist eine Bedrohung für mich. Du bist nicht richtig so wie du bist.”. Oder sie wird in ihm endlich den Beschützer und Bewunderer sehen, den sie sich immer gewünscht hat. Das heißt, es wird ihm, schon von klein auf, eine Rolle zugedacht, die er erfüllen muss - ob er es möchte oder nicht. Er ist also niemals frei, er selbst zu sein. Und vor allem: Er darf nicht sexuell sein, da dies eine Bedrohung für die traumatisierte Mutter darstellt. Das Resultat ist eine enorme Verunsicherung, Angst und Scham seinem eigenen Geschlecht gegenüber. Dies wiederum beeinflusst natürlich auch seine Beziehungen zu Frauen.

Eine weitere, oft spätere Form des Identitatstraumas entsteht, wenn ein Kind aus verschiedenen Gründen ignoriert wird – als ob es gar nicht existiere. Ein Klient berichtete zum Beispiel davon, dass sein Vater ihn als Kind körperlich missbrauchte und ihn danach behandelte, als sei er Luft, weil der Vater nicht nur seinen Sohn sondern auch sich selbst durch diese Tat zutiefst (re-)traumatisiert hat (Tätertrauma) und nun diese Tat mit aller Kraft vor sich selbst und anderen leugnete indem er die Existenz seines Sohnes vor sich verbarg bzw. ihm die Botschaft vermittelte: „Sei bloß nicht da. Ich will nicht durch dich an das erinnert werden, was ich getan habe. Wehe, du machst dich bemerkbar!“

Ein Kind, das von klein auf erfährt, dass es von vorneherein nicht gewollt bzw. nicht so gewollt ist, wie es ist, muss einen starken Kampfgeist, Überlebenswillen und eine falsche Identität ausbilden, um zu bestehen. Es muss die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche, sein Zart- und Verletztsein gewaltsam unterdrücken und alles tun, um wenigstens nicht beseitigt zu werden.

Das Leben ist zutiefst gefährlich für ihn.

Da ein solcher Mensch von klein auf lernt, sich selbst zu verleugnen, neigt er auch als Erwachsener dazu, sich mehr oder weniger kritiklos unterzuordnen und mit allem zu identifizieren, was Halt, Zugehörigkeit, Zuwendung, Sicherheit und Geborgenheit verspricht: Beruf, Familie, Religion, Partei, Führungspersönlichkeiten, das eigene Land oder das Unternehmen, für das er arbeitet, ein Verein, Besitz, Macht, der/die PartnerIn – alles dient als Mittel zur Identifikation und dem Überleben. Diese Art der Identifikation wird von unserer Gesellschaft häufig nicht nur unterstützt, sondern richtiggehend eingefordert. Selbstverständlich geht ein Unternehmen davon aus, dass man seine eigenen Bedürfnisse denen des Unternehmens, der Partei, Familie oder des Partners unterordnet. Entspricht man diesen Erwartungen nicht, wird man geschnitten, gemobbed, ausgeschlossen, arbeitslos - ein Hinweis darauf, wie verbreitet das Trauma ist. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass sehr viele - mehr oder weniger davon betroffen sind.

Seine Aufmerksamkeit ist deshalb wenig bei ihm selbst, sondern wachsam und zugleich suchend im Außen. So identifiziert er sich natürlich auch mit seinen Beziehungen, in denen er sich verliert und sein Trauma re-inszeniert. Da er sich selbst weder kennt noch spürt, muss er seine Bedürfnisse durch andere befriedigen. Er neigt deshalb zu überhöhten Erwartungen an andere und sich selbst. Das bedeutet, er tut - oft unbewusst -alles, was man von ihm erwartet, nur um nicht wieder verlassen zu werden. Dies führt früher oder später zu einem Symbiose- bzw. Liebestrauma sowie zu emotionalem und/oder sexuellem Missbrauch, da seine mangelnde Fähigkeit, sich und seine Grenzen zu spüren, sein verzweifelter Hunger nach Zuwendung und der Versuch, die eigene Leere zu überspielen, gerne von anderen ausgenützt wird. So wird Sexualität verwandt, um die in seinen Erstbeziehungen mit den Eltern nie oder selten erlebte Nähe und Intimität nachzuholen und/oder Stress abzubauen oder Geld, Zuwendung oder Leistung dazu, um Freunde zu gewinnen, die natürlich keine echten Freunde sind.

Er macht und tut unendlich viel - um endlich zu genügen, endlich glücklich, mächtig zu sein und dazuzugehören. Sein Leben ist eine Art kontinuierlicher Selbstverleugnung. Aber da er sich nicht kennt, nicht weiß, was bzw. wer er wirklich ist, sucht und braucht, fühlt er sich häufig – trotz einer Unzahl von Überlebens- und Ablenkungsmechanismen, zutiefst einsam, verloren, rastlos, bedürftig, leer, voller Scham, Schmerz und Angst - darf dies aber um nichts in der Welt zugeben. Suizidale Tendenzen sind im Extremfall die logische Folge. Auch werden Identitätstraumata gerne an die nächste Generation oder andere Abhängige weitergegeben.

Idealerweise entdeckt ein Mensch aber irgendwann, dass alles, was er tut und macht und gleichgültig, an wen oder was er sich hängt, ihn nicht sättigt, das er nicht bekommt, wonach er sich so sehr sehnt: sich selbst, seine wahre Identität.

Und so macht er sich auf die Suche nach Dem, was er wirklich ist: Stille, bedingungslose Liebe, unendlich weiter Raum in Gestalt eines menschlichen Wesens.

Herzlich willkommen!

(aus: (Un)Endlich frei! - Traumata als Tor zur Freiheit" von Gabriele Rudolph)

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