I`m sticking with you, oder:
Wie entsteht die Neigung zur Symbiose in Beziehungen?

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„I`m sticking with you“ ist der Titel eines Songs von Velvet Underground, in dem beschrieben wird, wie ein Mensch sich symbiotisch zu einem anderen verhält. Was meine ich damit?

Ein Kind erleidet ein oder mehrere tiefe Schocks, wenn seine natürlichen kindlichen Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Nähe, Wärme und Körperkontakt von der Mutter nicht oder nicht ausreichend gestillt und die Signale, die das Kind aussendet, nicht angemessen beantwortet werden.

Aber warum tut sie das?

Nun, sie kann sich aufgrund der Behandlung, die sie selbst als Baby erfahren hat, nicht in ihr Kind einfühlen bzw. weiß und erspürt nicht, was das Kind braucht und welche Not es erleidet, wenn es nicht bekommt, was es braucht. Man könnte auch sagen, sie reagiert mehr aus ihrer traumatischen Konditionierung als aus dem ihr angeborenen und hormonell verstärkten Mutterinstinkt heraus.

Das heißt, sie bemüht sich nach allen Kräften, das Kind zu beruhigen, fühlt aber zugleich ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich selbst zu schützen, um nicht mit den Gefühlen konfrontiert zu werden, die der Kontakt mit dem Kind in ihr weckt und merkt dabei nicht, wie sehr sie sich dabei den Bedürfnissen und Kontaktversuchen des Kindes verschließt.

Denn je mehr dieses sich bemerkbar macht, weint, schreit und unruhig wird, desto stärker zieht sich die Mutter zurück bzw. baut eine immer größere Distanz zum Kind auf. In anderen Worten: Sie identifiziert sich mit dem ungeliebten, traumatisierten Kind in sich, das sich nun einerseits übermäßig verantwortlich, zugleich aber auch total überfordert fühlt.

Denn ein traumatisiertes, inneres Kind fühlt sich mit der Mutterrolle natürlich überfordert.

Das kann soweit gehen, dass sie sich dem Kind gegenüber vollständig verschließt und dadurch keinerlei emotionale Kommunikation mehr zwischen ihnen zulässt, was es für sie unmöglich macht, sich empathisch auf das Kind einzustimmen.

Gleichgültig, was es unternimmt, d. h. ob es sich still zurückzieht, seine Angst zeigt, wütend wird, weint oder unruhig ist, es erfolgt keine der von ihm biologisch ganz natürlich erwarteten Reaktionen, die es unbedingt braucht, um sich wahrgenommen, gefühlt, gesehen, gehört und damit sicher und geborgen zu fühlen.

Laut F. Ruppert fühlt es sich dadurch alleingelassen nicht geliebt und abgelehnt einsam und verlassen und empfindet zugleich eine enorme Wut auf die Mutter, die es aber unterdrückt, um nicht noch den letzten Rest an Zuwendung zu verlieren.

Die Folgen sind

* extremer Rückzug
* unterdrückte Wut und Trauer
* eine Tendenz zur Selbstaufgabe (Unterdrückung von Bedürftig-, Zart- und Schwachsein)
* Verlassenheits- und Einsamkeitsgefühle (denn es verlässt sich ja)
* Todesangst, Panikattacken Aufgabe des Vertrauens in sich selbst bzw. in seine natürlich-biologischen Bedürfnisse und deren emotionaler Ausdruck.

Aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung fürchtet sich die Mutter davor, sich gefühlsmäßig zu öffnen, da dies zur Folge haben könnte, mit ihren eigenen traumatischen Gefühlen konfrontiert zu werden. So stellt das Kind für die Mutter durch seine Bedürftigkeit, sein Weinen und Rufen eine kontinuierliche Quelle von Stress dar. Es spiegelt ihr ihre eigene Bedürftigkeit, ihren tiefen Hunger, ihre Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein, das sie selbst als Kind erfahren und abgespalten hat, um zu überleben.

Anders ausgedrückt: Durch sein ganz natürliches Verhalten erinnert das Kind die Mutter an ihr eigenes abgespaltenes, weggeschobenes und traumatisiertes inneres Kind.

Und da das Kind die empathische Verbindung zur Mutter dringend für sein Wohlbefinden benötigt und die emotionale Distanz der Mutter nicht erträgt (es ist ja im Grunde ihre Aufgabe, jeglichen Stress seinerseits mit ihrem Nervensystem auszugleichen) und um sein Überleben zu sichern, schützt das emotionale Gehirn das Baby vor dem unerträglichen Schmerz, indem es die Hilflosigkeit und Ohnmacht, seine Ängste, seine Wut, kurz: seine ganze innere Not abspaltet und speichert, solange bis es sie selbst halten und verarbeiten, d. h. bis es sich selbst all das geben kann, was es damals nicht bekommen konnte.

Es konserviert sie gewissermaßen für bessere Zeiten. Um dies zu tun, entwickelt es ein künstliches Ich als Überlebensstrategie: Ein starkes, überlegenes oder ein Opfer-, Helfer-, wütendes oder rebellisches Ich. Es gibt sich selbst die Schuld für das Verhalten der Mutter und beginnt alles in sich abzulehnen, was die Mutter ablehnt: Sein Klein- und Zartsein, seine eigene Abhängigkeit und Bedürftigkeit und versucht groß und stark zu sein, um die Mutter zu entlasten.

Man könnte auch sagen: Es macht einen auf “dicke Hose”.

Und um den Schmerz des Abgelehntseins nie wieder zu spüren, wird es wütend auf sich selbst und erfindet Illusionen, die es trösten. Es idealisiert die Mutter, stellt sie sich und den Vater als besonders liebevoll, zugewandt oder heldenhaft vor und zwingt sich, seine Bedürfnisse und sein Selbstbild gemäß ihren Wünschen, Sichtweisen, Werten und Überlebensstrategien anzupassen.

Dabei wird es zunehmend unlebendiger, leer und unbefriedigt, da es vorgibt, jemand zu sein, der es nicht ist. Zudem ist diese Art der Selbstverleugnung mit unglaublichen Schmerzen verbunden. Und wenn es erwachsen ist, sucht es sich Partner, die diese Art der Selbsthypnose bestätigen und re-inszeniert somit die eigene Kindheit immer wieder. Es verhält sich also dem Partner gegenüber genau so wie es sich der Mutter gegenüber verhalten hat und schafft so wieder das vertraute Gefühl der Kindheit, erleidet dabei aber auch immer wieder die Schmerzen der Selbstaufgabe.

Man könnte auch sagen, typisch für eine symbiotische Beziehung ist, dass die “Beziehungspartner voneinander nicht das bekommen, was sie brauchen und möchten (Liebe, Fürsorge, Halt,…) und in denen sie sich trotz aller Konflikte, die sie miteinander haben, nicht voneinander lösen können” (F. Ruppert, Symbiose und Autonomie, 2010 , S. 128).

Sie verhalten sich so, als ob sie keine Individuen mit eigenen, auch mal unterschiedlichen Interessen, sondern eine Einheit sind und als ob eine Art existentielle Abhängigkeit voneinander herrscht bzw. versuchen die symbiotische Trance aufrechtzuerhalten, indem sie sich gegenseitig in Abhängigkeit halten. Sie grenzen sich daher nicht oder kaum voneinander ab, tun wenig oder kaum etwas alleine, treffen keine klaren Abmachungen und führen keine konstruktiven Auseinandersetzungen. Man könnte auch sagen: “Eine symbiotische Beziehung besteht, wenn einer der beiden eine überverantwortliche Haltung einnimmt, der andere eine unverantwortliche” (A. Pritz, G. Stumm, Wörterbuch der Psychotherapie, 2009, S. 90; siehe auch Text zum Thema “Co-Abhängigkeit).

Das kann dann im Extremfall so aussehen, dass da zwei Menschen sind, die vor lauter Angst, wieder verlassen zu werden, alles zusammen unternehmen, sich keine Minute alleine lassen und Schuldgefühle empfinden, wenn sie das einmal anders handhaben. Oder einer übernimmt die Funktion der bösen oder guten Mama und der andere die des guten, ungezogenen und/oder bedürftigen Kindes (siehe auch Lehrer-/Schüler-Beziehung). Oder sie versuchen beide eine Beziehung, die schon lange nicht mehr stimmt, aufrechtzuerhalten und sich einzureden, wie toll und gut alles ist. Konflikte werden dabei tendenziell eher vermieden und ein “Nein” bzw. jegliche Form der Abgrenzung ist mit großen Ängsten, Abwehr oder Schuldgefühlen verbunden.

Kommt dir das bekannt vor?

Man merkt es auch an so kleinen Dingen wie: du versuchst, jemanden telefonisch zu erreichen. Er geht aber nicht ans Telefon und plötzlich wird etwas in dir unruhig, du verspürst Angst und unternimmst hektisch alles, um ihn oder sie zu erreichen bzw. zu hören, dass alles o. k. ist.

Oder du möchtest eigentlich etwas vom anderen, kannst dir aber deine Bedürftigkeit nicht eingestehen und tust deshalb so, als ob du ihm oder ihr großzügig etwas anbietest und bist dann enttäuscht, frustriert oder zutiefst gekränkt, wenn das Gegenüber dir dann nicht gibt, was du unausgesprochen erwartest.

Ich nenne das “großzügig spielen”.

Kurz: So eine Symbiose ist ganz schön anstrengend und hat viel mit Angst, Ohnmacht, Schuldgefühlen und unterdrückter Wut zu tun.

Und trotz aller Bemühungen, das zu vermeiden: Die abgespaltenen Gefühle werden immer wieder getriggert. Denn sie warten direkt unter der Oberfläche darauf, endlich ehrlich und offen zugelassen, wahrgenommen, gehalten und dadurch verarbeitet zu werden.

Solange dies nicht geschieht, werden all die unerfüllten kindlichen Bedürfnisse eifrig auf den Partner oder andere nahe Bezugspersonen projiziert und deren Erfüllung von ihm erwartet, d. h. der Partner oder die Partnerin wird zum Mama bzw. zum Papa erkoren. Dadurch entstehen natürlich unrealistische, überhöhte Erwartungen sowohl an den anderen wie an sich selbst. Konflikte, (Selbst-)Vorwürfe, Schuldzuweisungen und -gefühle, (Selbst-)Anklagen etc. sind also vorprogrammiert.

Oder du unterwirfst dich total und versuchst alles zu tun, was die scheinbare Mama, der scheinbare Papa will, um ja nicht wieder verlassen zu werden – zum Preis deiner Würde, Autonomie und Freiheit.

Was für ein Drama, oder?

(aus: "Das innere Kind und die Stille " von Gabriele Rudolph)

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