Die Angst vor dem Alleinsein -
Ein Fallbeispiel aus meiner Praxis

Kürzlich kam eine Frau zu mir, die Schwierigkeiten hatte, mit sich alleine zu sein. Sie wollte endlich mal wieder glücklich sein - auch und vor allem mit sich alleine.

Wir klärten und beobachteten also, was in ihr geschah, wenn sie mit sich alleine ist: Welche Gefühle und Gedanken aufstiegen. Es war schon nach der ersten Sitzung klar, dass Alleinesein und Todesangst dasselbe für sie waren. Kurz: Wenn sie alleine war, fühlte sie sich häufig existentiell bedroht. Da sie aber das Gefühl der Angst nicht haben wollte, kämpfte sie jedes Mal sofort dagegen an.

Ich half ihr also behutsam, sowohl den inneren Konflikt wie die Gefühle, die damit zusammenhingen, zuzulassen, und da entdeckte sie, dass sie als Kind häufig alleingelassen worden war in Situationen, die sie als zutiefst bedrohlich empfunden hatte. Sie hatte etwas getan, was ihre Mutter erbost hatte, und die Mutter ging deswegen alleine - ohne sie - aus dem Haus und kam dann den ganzen Tag nicht wieder. Und: Sie sperrte ihre Tochter dann jedes Mal ein, damit sie nicht entkommen oder wieder etwas anstellen konnte.

Kein Wunder also!

Es war gut und wichtig, die damit vorhandenen Gefühle und Gedanken im Detail wahr- und für voll zu nehmen und einen Namen für das beteiligte Innere Kind zu finden - "Die Verlassene" - um ein Wiedererkennen zu erleichtern.

Denn sie erschien inzwischen in großer Regelmäßigkeit in der Erwachsenen und versetzte sie - obwohl nun die Gefahr gar nicht mehr bestand - in Angst und Schrecken und erzählte ihr das, was das Kind ursprünglich von sich dachte: Dass sie alles falsch gemacht hätte und dass sie nun dafür bestraft würde und sterben müsste.

Kurz: Sie erlebte - immer und immer wieder - die Ursprungssituation ihrer Kindheit wieder, obwohl sie längst erwachsen ist und damit inzwischen über viel mehr Möglichkeiten, Fähigkeiten und Ressourcen verfügt denn als Kind. 

In anderen Worten: Das traumatisierte innere Kind versetzte die Erwachsene immer wieder in eine leidvolle Trance, die nicht nur Angst und Schrecken zur Folge hatte. Sie erlitt jedes Mal, wenn diese Trance ausbrach, starke Migräneschübe, der Körper fing an zu zittern, sie erschrak vor jeder Kleinigkeit und ihr Verdauungstrakt fing an zu schmerzen - und das oft tagelang.

Und sie fühlte sich unfähig - denn als Kind war sie damit vollkommen überfordert - ohne äußere Hilfe da herauszukommen. Dieses Thema machte es ihr fast unmöglich, entspannt in einer Beziehung zu leben, da sie fürchterliche Angst hatte, verlassen zu werden, aber dadurch, dass sie aus Angst zu klammern versuchte, fühlten sich Partner wie Freunde häufig überfordert und zogen sich zurück.

Logisch, oder?

Wesentlich - in so einem Fall - ist zu sehen, dass der Leim, der das Problem effektiv über Jahre zusammenhielt, der Glaube ist, dieses traumatisierte, verängstigte Kind zu sein.

So begann ich ihr zu zeigen, wie sie die Identifikation lösen, das Trauma effektiv "entladen" und sich selbst danach wieder stabilisieren konnte. In kürzester Zeit entspannte sie sich und erzählte mir, dass sie mit großer Freude entdeckte, wie schön es sein konnte, mit sich selbst alleine zu sein.

Denn sobald die Identifikation mit dem traumatisierten inneren Kind endete, konnte sich die damalige Erfahrung - liebevoll gehalten und integriert aus der Stille - auflösen und sie kam wieder in Kontakt mit der Freiheit, Liebe und Lebensfreude, die sie in Wirklichkeit ist, sowie mit all den Fähigkeiten, Interessen und Ressourcen, die ihr als Erwachsene ganz natürlich zur Verfügung stehen. 

Und: Sie war in der Lage, das jederzeit wieder für sich zu tun - ohne Hilfe von Außen.

Therapeutisch gesehen spricht man hier von "Heilung", als ob Das, was du bist, nicht bereits heil wäre. Ich selbst spreche hier lieber von dem Zu-Ende-Bringen einer eingefrorenen, aufgehaltenen Erfahrung - im Bewusstsein Dessen, was bereits heil IST.

Warum betone ich das so?

Ganz einfach: Es besteht in der Freien Inneren-Kind-Arbeit nach Gabriele Rudolph ein enormer Unterschied zu herkömmlichen Methoden, die das innere Kind "nur" mit Ressourcen anreichern. Nicht, dass das zu Verurteilen wäre. Man kann nie genügend Ressourcen haben.

Ebenso in der üblichen Trauma-Arbeit, die lange Zeit rein mental geschah, was meiner Erfahrung gemäß nicht nur nicht viel bringt, sondern auch die Gefahr einer Reaktivierung des Traumas birgt, ohne dass der Klient Werkzeuge an der Hand hat, um die daraus resultierenden körperlichen wie psychischen Symptome handzuhaben. Die inzwischen immer bekanntere Herangehensweise, das Trauma körperlich zu entladen und den Klienten seiner Ressourcen bewusst zu machen bzw. ihm Neue an die Hand zu geben, ist sehr effektiv. Allerdings handelt es sich auch hier nur um einen begrenzten Teilerfolg.

Der Leim, der das Problem zusammenhält, bleibt: Der Klient identifiziert sich weiterhin mit dem Inneren Kind und geht davon aus, dass er heil WERDEN muss. Ja, die übliche therapeutische Arbeit verstärkt sogar die Identifikation und erhält damit langfristig das Problem.

Denn: Die traumatische Trance und die Identifikation sind der Leim, der das Problem effektiv und fest zusammen- und die Aufmerksamkeit in der Trance hält - ob er das möchte oder nicht. Es hat ihn im Griff.

Die Freude am Ent-decken und die klare Unterscheidungsfähigkeit zwischen Dem, was erscheint bzw. in dir gespeichert ist, und was du wirklich bist, sind hingegen die Lösungsmittel.

Anders ausgedrückt: In dem Sehen, dass Das, was du in Wirklichkeit bist, bereits heil ist, kann das "verletzte, innere Kind" einfach als eine im Körper abgespeicherte Erfahrung gesehen werden, die darin erscheint.

Das ist anders - ganz anders! Das ist bewusstes HeilSEIN. Und schafft eine gesunde Distanz.

Erst von dort aus kann die ablaufende Trance klar gesehen, identifiziert, liebevoll gehalten und entladen werden - bis sie sich auflöst - wie Eis in der Sonne :)

(aus: "Das innere Kind und die Stille" von Gabriele Rudolph)

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