Was oder wem bist du treu?

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„Treue“ ist ein Wort, das in unserer Zeit und Welt keine große Rolle mehr zu spielen scheint, oder? Aber ich behaupte, dass die meisten Menschen ihr ganzes Leben ihren Eltern bzw. ihren ersten Bezugspersonen treu geblieben sind, anstatt sich selbst treu zu sein – sogar und gerade, wenn diese sie misshandelt oder  missbraucht haben.

Wie kommt das?

Babies werden geboren. Kaum da, sind sie in unmittelbarster Verbindung mit ihrer Umgebung. Denn sie sind, genauso wie Erwachsene, zutiefst soziale Lebewesen, die die Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche ihrer Umgebung mit ihrem ganzen Sein wahrnehmen und umsetzen – auch und vor allem auf eigene Kosten.

Nur ein Kind, das in den ersten Lebensjahren gänzlich als Das geliebt wird, was Es wirklich ist, erwirbt keine verbogene, sondern eine echte Treue – sich selbst gegenüber. Ein solches Menschenkind bleibt und ist zutiefst liebes- und bindungsfähig.

Aber nur Eltern, die selbst als Kind einmal so geliebt wurden und deshalb nichts von ihrer eigenen Liebesfähigkeit eingebüßt haben, können so lieben und damit dem Kind das Gefühl bewahren, dass leben schön ist. Sie haben es nicht nötig, ihr Neugeborenes für ihre Bedürfnisse zu missbrauchen. Sie fühlen sich zutiefst mit sich und damit mit ihm verbunden. Seine Freude ist ihre Freude und umgekehrt.

Dadurch können sie auch gesunde Grenzen setzen und haben kein großes Thema damit, das Kind, seinen eigenen Entwicklungsprozessen gemäß, gehen zu lassen, wenn es ansteht.

Da aber die meisten Eltern sich selbst entfremdet wurden, geben sie das ungelöste Fremde in sich an ihre Kinder weiter: Ihre aufgestauten Bedürfnisse, Ängste und Zwänge.

Und so zeigen sie häufig eine unbewusste Treue und Gehorsam zu dem, was ihnen ihre engsten Bezugspersonen mit auf den Weg gegeben haben, auch und seltsamerweise gerade, wenn das Erlernte sehr beengend und einschränkend ist, einfach weil eine Abweichung mit großen Schmerzen, Angst vor Strafe oder Liebesentzug, Schuld- und Schamgefühlen verbunden ist. Sie können und dürfen nicht sie selbst sein und so dürfen es auch ihre Kinder nicht!

Allerdings gibt es in jedem Menschen auch etwas zutiefst Gesundes, das lebendig sein und sich entwickeln möchte. Und deshalb kann es sein, dass ab einem bestimmten Punkt im Leben eines Menschen eine Art Streik, eine mehr oder weniger bewusste Revolte gegen die alten Programmierungen geschieht, die ihm – gegen seine Natur – hinzugefügt wurden.

Zugleich ist das Ausbrechen einer solchen Revolte häufig mit genau den Schmerzen, Schuld-, Scham- und Angstgefühlen verbunden, die sie bis dahin vermieden haben. Das heißt, wenn bei dir diese Art von Gefühle erscheinen, heißt das nichts anderes als dass du deine Komfortzone verlässt, um zu leben.

Das ist also ein wirklich gutes Zeichen!!!

Leben heißt – im Gegensatz zum Überleben -, du entdeckst, nach und nach dein wahres Wesen, Das, was und wie du wirklich bist. Und du fühlst dich von Menschen angezogen, die dich in diesem Prozess unterstützen und halten, wenn du es gerade selbst nicht kannst, die aber – im Gegensatz zu deinen Eltern – idealerweise keine Treue dafür einfordern und sich nur einschalten, wenn du es auch möchtest.

Häufig geschieht das in Krisenzeiten, denn oft sind Menschen erst, wenn ihre alten Programme nicht mehr funktionieren, bereit, sich dem Leben, dem, was ganz natürlich aus der Stille heraus geschieht, zu ergeben.

Das ist ein großes Geschenk.

Als ich mich dem erst einmal geöffnet hatte, begann ein zutiefst erfüllender Prozess. Denn erst, als ich mein Leben aus mir selbst heraus lebte, erst als ich mehr und mehr Dem vertraute, was ganz natürlich aus mir heraus geschah – gleichgültig, was meine Mitmenschen darüber dachten, und trotz und gerade wegen der Schwierigkeiten, Schmerzen und Gefühlen, denen ich auf diesem Weg begegnete – verspürte ich das tiefe Glück, die Verbundenheit, Liebe und den Frieden, nach denen ich so lange gesucht hatte.

(aus: Das innere Kind und die Stille von Gabriele Rudolph)

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