Selbstwahrnehmung und Frieden, oder: Das Drama nimmt seinen Lauf

Wir können nur ändern, was uns bewusst ist. Deshalb sind Selbstwahrnehmung, -reflexion und Bewusstheit wichtige Faktoren auf dem Weg der Befreiung unserer selbst und der Welt um uns.

Aber das ist nicht ohne. Das ist mit.

Denn sich selbst, die eigenen Gedanken, Überzeugungen, Gefühle, Körperempfindungen, Bedürfnisse, Wünsche, Taten und die Motive dahinter immer wieder ungetrübt wahr- und für voll zu nehmen, ja, zu erforschen und so anzunehmen, wie sie eben erscheinen, braucht Mut, Ehrlichkeit, Selbstliebe und Demut.

Denn wenn du entdeckst, dass du gerade eifersüchtig oder neidisch bist, weil dein Gegenüber mehr Erfolg hat als du, kann das sehr betroffen machen und du magst den Reflex verspüren, diese Tatsache schnell wieder vor dir selbst und anderen zu verstecken, weil du gelernt hast, dass dieses Gefühl bei dir nicht erscheinen sollte.

Zugleich: Wenn du deinen Neid aus diesen Gründen vor dir selbst verschleierst und dich damit von dir abtrennst, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du deinem Gegenüber unfreundliche Absichten unterstellst, es angreifst, abwertest, Mobbing betreibst oder in Konkurrenz gehst.

Kurz: Das Drama nimmt seinen Lauf.

Wenn du hingegen wahrnimmst, was wirklich in dir abläuft, bist du in der Lage, bei dir zu bleiben, die Situation angemessen einzuschätzen und gemäß deinen wirklichen Werten, Zielen und Bedürfnissen – aus der Stille - zu agieren, anstatt unbewusst zu re-agieren, d. h. in unbewusste Abwehr und Kampf zu gehen – gegen dich selbst und andere.

Ein wacher Mensch kann also die Motive hinter seinen Gefühlen, Gedanken und Taten und den Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen viel klarer sehen und bewusster damit umgehen. Das wiederum ist für jedes seiner Mitlebewesen ein großes Geschenk.

Man tut also nicht nur sich selbst etwas Gutes, wenn man sich klar und ehrlich wahrnimmt und die eigenen Trigger kennt, sondern auch und vor allem seiner Umwelt – und damit wieder sich selbst.

Gerade bei Gefühlen wie Überforderung, Hilflosigkeit, Orientierungslosigkeit, Minderwertigkeitsgefühlen und Angst ist das ein unschätzbarer Vorteil, da ihre Abwehr schnell zu sinn- und endlosen Missverständnissen, Konflikten, Machtspielen, einem übersteigerten Geltungsbedürfnis, Missbrauch bis hin zur Anwendung von Gewalt führt.

Und wenn wir unsere Wahrnehmungen zudem noch freundlich und offen formulieren und zu ihnen stehen können – ohne sie dem anderen „vorzuwerfen“ - schaffen wir damit tiefes Vertrauen, Liebe und Verständnis in- und füreinander.

Denn: Es macht einen enormen Unterschied, ob ich einem Freund offen und unverblümt gestehe „Du, ich bin gerade überfordert“, „Das macht mir Angst“, „Ich bin gerade nicht offen für dich“, „Ich bin gerade gereizt“ oder „Ich fühle mich nicht gesehen“ als wenn ich all das gar nicht bewusst wahrnehme und ihm stattdessen unterstelle, dass er mich nicht wahrnimmt oder sogar absichtlich unfreundlich behandelt, ich ihn deshalb ärgerlich von der Seite anfahre, mich beleidigt aus dem Kontakt zurückziehe oder sogar mit anderen über ihn herziehe.

Besonders schön finde ich es, wenn ich Menschen meine Wahrnehmung über sie respektvoll und doch offen mitteilen kann und sie sich die Zeit nehmen, hinzusehen, ja, sie mir diese sogar bestätigen oder sie freundlich korrigieren. So erinnere ich mich wie sehr ich es genoss, wenn ich meine Mutter am Telefon darauf ansprach, dass ich gerade das Gefühl habe, dass sie mir gar nicht richtig zuhört, und sie daraufhin antwortete: „Oh, das tut mir leid. Du hast Recht. Ich bin gerade gar nicht wirklich offen für dich.“

Was für ein Geschenk, oder?

Sie hat einfach innegehalten, hingesehen, meine Wahrnehmung bestätigt und mir erklärt, was wirklich los ist – nicht, wie ich es sonst so von anderen Menschen kenne, abgeblockt, mir Vorwürfe gemacht, mich als respektlos bezeichnet, meine Bemerkung verharmlost oder sogar mit mir gestritten – nur um ein falsches Selbstbild zu verteidigen!

Manchmal hat sie mir aber auch widersprochen und ganz ruhig gemeint „Nein, das ist nicht wahr. Ich höre dir gerade sehr gerne zu. Meine Aufmerksamkeit war nur für einen Moment aus dem Fenster gewandert und das hast du gespürt.“ Ja, sie hat mir oft staunend mitgeteilt, wie fein meine Wahrnehmung am Telefon ist und damit nicht nur mein Vertrauen in mich und meine Wahrnehmung gestärkt, sondern auch ihre Wertschätzung dafür ausgedrückt!

Und während sie damit meine Wahrnehmung bestätigte, lernte sie sich – durch meine Rückmeldungen zudem näher kennen und lieben. Das brachte uns nur noch näher zu- anstatt auseinander.

Kurz: Begegnungen mit Menschen, die sich wahrnehmen und reflektieren und mit ihren Beobachtungen offen und ehrlich umgehen sind unglaublich einfach, schön und spielerisch. Sie sind deshalb für mich von unschätzbarer Bedeutung, da sie auf eine ganz simple und direkte Art Das spiegeln, was jeder von uns ist: Bedingungslose Liebe, die sich nicht verstecken muss und braucht. Und weil sie mich wach und bewusst machen und mich in meiner Wahrnehmung bestärken.

Das Gegenteil ist der Fall bei Menschen, die gelernt haben, Gefühle zu vermeiden sowie ihre Gedanken, Motive und Taten kaum zu hinterfragen. Denn sie neigen dazu, ihr gesamtes Innenleben unbewusst nach Außen zu projizieren – in Form von Schuldzuweisungen, Unterstellungen, Vorwürfen, Ver- und Geboten etc. Sie nehmen sich sehr schnell als Opfer wahr, wodurch das Gegenüber in ihren Augen zum Täter mutiert und entsprechend behandelt wird.

Und schon entsteht ein handfester Konflikt oder zumindest der Eindruck, da sei jemand, der nicht genügt, etwas falsch macht oder anders sein sollte. Kurz: Die traumatischen Trancen und falschen Identitäten werden verstärkt. Das Selbstwertgefühl und Wohlbehagen sinken.

Dies geschieht nicht nur – alltäglich – zwischen Kindern, Liebes- und Geschäftspartnern, Kollegen, Mann und Frau, Kindern und Eltern, Angestellten und Vorgesetzten, Ärzten und Patienten, vielmehr auch zwischen Politikern, Staatsmännern und -frauen und führt im schlimmsten Fall zu einem Krieg.

Kurz: Eine klare, freundliche Selbstwahrnehmung und -reflexion ebenso wie eine transparente und ehrliche Kommunikation derselben sind die besten Voraussetzungen für einen friedlichen, liebevollen Umgang mit sich selbst und anderen – auf persönlicher, lokaler, nationaler und internationaler Ebene, wohingegen Intransparenz, Tabus und das traumatische Sich-Abtrennen von sich selbst und der eigenen Wahrnehmung zu Trennung, inneren wie äußeren Konflikten und – im schlimmsten Fall – zur Zerstörung der Erde führt.

(aus: "Das innere Kind und die Stille" von Gabriele Rudolph)

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Nächster Innerer-Kind-Workshop am 01./02. Juni 2019. Mehr dazu hier.

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