Die innere Abtrennung durch körperlichen Missbrauch -

Ein Fallbeispiel

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Eine Frau erschien bei mir zu einem Einzelgespräch. Sie klagte darüber, dass sie schon lange über sehr wenig Energie verfüge, es beruflich wie privat deswegen schlecht lief und dass sie sich so fürchterlich leer, ja, fast wie tot fühle.

Auf meine Frage, was sie sich von der Sitzung mit mir erhoffe, meinte sie, sie würde gerne wissen, was mit ihr los sei – das ginge nun schon so lange – und sie würde sich so gerne wieder eins fühlen mit allem. Das könne einfach nicht so weitergehen.

Ich bat sie also, ihren Körper wahrzunehmen und mir mitzuteilen, wie er sich anfühlt. Sie meinte, sie fühle nichts. Ich bat sie deshalb bewusst tief ein- und auszuatmen und mir dabei in die Augen zu sehen.

Kaum kam der Augenkontakt zustande, füllten sich ihre Augen mit Tränen und ihre Stimme war plötzlich zart wie die eines Kindes. Ich leitete sie behutsam an, den Körper weinen zu lassen und den Augenkontakt mit mir zu halten.

Inzwischen schüttelte sich der Körper und eine Art klagendes, wie von Schmerz erfülltes Schreien begann. Ich ermunterte sie weiter, diese Laute zuzulassen und dabei weiter bewusst zu atmen und wahrzunehmen, was geschieht.

Kurz darauf hielt sie inne und begann davon zu sprechen, wie ihr Vater nachts zu ihr ins Bett kam. Ihr Körper versteifte sich, ihr Atem war kaum noch wahrnehmbar.

Von dem, was sie erzählte, wurde schnell klar, dass sie durch den Missbrauch beschlossen hatte, nicht mehr da zu sein und sich nicht mehr zu spüren. Das ist typisch für Missbrauchsopfer. Die enorme Überforderung, die ein Kind erfährt, wenn es sich gezwungen sieht, für ihn altersuntypische Bedürfnisse eines Menschen zu erfüllen, von dem es sich eigentlich abhängig fühlt bzw. dessen Aufgabe es eigentlich ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen – nicht umgekehrt – ist traumatisch.

Sie führt zu einer tiefen Verwirrung. Um dem Chaos, der tiefen Existenzangst und den Gefühlen des Schmerzes und der Überforderung zu entgehen, beschließt es, nicht mehr zu fühlen bzw. nicht mehr da zu sein und das, was geschieht, über sich ergehen zu lassen.

Dazu muss sich der Körper enorm anspannen, da es sehr viel Energie braucht, die eigene Lebendigkeit wegzudrücken, und da schon die bloße Andeutung dieser Sachlage mit einer totalen Überforderung und Hilflosigkeit in Verbindung gebracht wird, schützt sich das Nervensystem davor, wahrzunehmen was, ist: Der Körper erstarrt.

Man könnte hier von einer Art Sich-Totstellen sprechen. Verständlich, oder?

Das wäre auch in Zukunft kein Problem. Allerdings ist sexueller Missbrauch in der Familie gewöhnlich keine einmalige Angelegenheit. Er wiederholt sich also und das Kind beginnt, diesen Überlebensmechanismus auf Automatik zu stellen.

Dies hat zur Folge, dass, auch wenn die eigentliche Gefahrensituation längst nicht mehr auftritt, der später erwachsene Mensch, sobald er Intimität erfährt, erstarrt, jedes Gefühl abblockt und sich – durch Phantasien, Spiritualisieren, Verharmlosen etc. - aus der Gegenwart wegbeamt.

Das macht es einem solchen Menschen unmöglich, eine wohltuende, erfüllende sexuelle bzw. überhaupt echte Begegnung bzw. Beziehung auf Augenhöhe zu erleben. Gewöhnlich können solche Menschen auch ihre Kinder nicht oder nur sehr steif in den Arm nehmen und haben große Probleme damit, zu spüren, was sie brauchen, was ihnen gut tut und gesunde Grenzen zu setzen. Sie laden also weitere Übergriffe geradezu ein und: Sie geben unbewusst das Trauma an ihre Kinder weiter.

Denn: Wie willst du etwas entspannt tun oder vermitteln, was du dir irgendwann verboten hast bzw. was für dich mit Todesangst, Anspannung und großem Schmerz verbunden ist? Wie willst du gesund, entspannt und erwachsen handeln, wenn du dich für ein kleines, verlorenes, ungeliebtes Kind hälst, das gelernt hat, sich für ein bisschen Zuwendung aufzugeben?

Deshalb tendieren Missbrauchsopfer auch dazu, den alten Missbrauch kontinuierlich zu re-inszenieren, indem sie Sexualpartner bzw. Gelegenheiten finden, in denen sich dieser wiederholt bzw. indem sie selbst zu Tätern werden.

Allerdings ist es möglich, ein solches Trauma bewusst aufzulösen - wenn du es möchtest.

Wie schon mehrmals in diesem Buch betont, ist der Leim, der ein Problem zusammenhält, die unbewusste Identifikation mit dem Inneren Kind und den Geühlen, Gedanken und Körpersymptomen, die damit zusammenhängen. Die Lösungsmittel sind die Bereitschaft, bewusst - gegebenenfalls mit kompetenter Hilfe - hinzusehen und liebevoll Verantwortung dafür zu übernehmen, dass du selbst die Missbrauchstrance - aus gutem Grund - installiert hast und - ohne guten Grund - immer wieder installierst. Der letzte Schritt ist die Desidentifikation.

In anderen Worten: Schon am Ende dieser Sitzung saß mir eine Frau gegenüber, die mir glücklich und erstaunt mitteilte, dass sie nie gedacht hätte, was in einer Sitzung alles geschehen kann. Ihre Stimme war ruhig, fest und tief wie die einer erwachsenen Frau. Die Identifikation mit dem missbrauchten inneren Kind löste sich, wodurch sie plötzlich das von ihr so ersehnte Gefühl der Verbundenheit und Liebe mit allem wieder wahrnehmen konnte.

In einer zweiten Sitzung habe ich ihr gezeigt, wie sie all das mit sich alleine tun konnte, wie und woran man eine Neuaktivierung sofort erkennt, worauf sie achten musste und wie man es - am besten unverzüglich - selbst "entlädt", da es sonst auf Dauer auch chronische, körperliche Beschwerden verursacht.

Wenige Tage danach teilte sie mir mit, dass sie es dieses Mal ganz alleine geschafft hätte, die Identifikation aufzulösen und aus einer Traumaaktivierung spontan auszusteigen.

(aus: Das innere Kind und die Stille“ von mir, mehr dazu hier)

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Was ist das Besondere an der Freien Traumatherapie nach Gabriele Rudolph?

Mehr zum Thema Kindesmissbrauch hier.

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